Ein Schüler aus Dagestan unterschrieb unter Folter einen Vertrag und verschwand im Krieg

Said MurtasaliewDer 18-jährige Schüler Said Murtasaliew aus Dagestan fuhr im Januar 2025 in die Winterferien nach Moskau, wo er zusammen mit Freunden von der Polizei festgenommen wurde. Unter Androhung der Verhaftung wegen eines angeblich von ihnen begangenen Verbrechens wurde Said gezwungen, einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium zu unterschreiben. Nach Angaben seiner Mutter wurde der Schüler nicht nur bedroht, sondern auch gefoltert – man übergoss ihn mit eiskaltem Wasser, setzte ihm eine Gasmaske auf und schlug ihn.

Zuletzt gelang es Said im März, seine Familie anzurufen – seitdem erhält seine Mutter vom Militär keine Informationen über seinen Aufenthaltsort.

Elbrus Berg

 Berg Elbrus -- Foto: JukoFF -- Lizenz: Frei

In der russischen Teilrepublik Kabardino-Balkarien wohnen rund 900.000 Menschen. Etwa 70% der Bevölkerung sind sunnitische Muslime, der Anteil der russischstämmigen Bevölkerung nimmt stetig ab und lag im Jahr 2020 bei knapp 20 Prozent. Im Krieg gegen die Ukraine sind die Bewohner extrem zurückhaltend, die Republik liegt in unserer Statistik der Kriegstoten in Abhängigkeit von der Bevölkerung auf den ganz hinteren Plätzen.

Es ist Anfang Mai im Bezirk Elbrus und im Dorf Kendelen mit rund 7.000 Bewohnern findet eine Gedenkveranstaltung statt. Eine Delegation des Motorradclubs "Nachtwölfe" ist extra gekommen, um eine Tafel für die im Krieg gegen die Ukraine getöteten Bewohner einzuweihen. Wir geben den Bericht der Bezirksverwaltung im übersetzten Original wieder. Von den elf veröffentlichten Namen waren uns acht unbekannt.

MarinesWolgograd

Ein Telegram-Kanal der Marineinfanteristen von Sewastopol auf der Krim veröffentlicht hin und wieder Meldungen von gefallenen Soldaten der Marine. Aktuell wurde ein Video veröffentlicht, das 100 im Krieg gegen die Ukraine getöteten Marinesoldaten vorstellt, die aus der Region Wolgograd kommen. Im Gegensatz zu anderen ähnlichen Videos enthält dieses etwas mehr Informationen über die gefallenen Soldaten. Wir konnten 38 neue Namen in unsere Datenbank eintragen.

Jurij Maximowitsch Witsinets -- Danijar Baktiarowitsch Kereibajew -- Denis Alexandrowitsch Moschaitsew

Soldaten im Wehrdienst wurden durch Täuschung und Drohungen dazu gezwungen, einen Vertrag zu unterschreiben

Drei Russen, Soldaten im Wehrdienst im Alter von 18 bis 19 Jahren, haben das obige Video aufgenommen, in dem sie berichten, dass sie durch Täuschung dazu gezwungen wurden, unbefristete Verträge in Burjatien zu unterschreiben. Nachdem sie in der 37. separaten motorisierten Schützenbrigade der Militäreinheit 69647 in der Stadt Kjachta angekommen waren, begann der Zugführer, die Wehrpflichtigen mit der Versetzung an die Front und faktisch mit dem Tod zu bedrohen.

Die Angehörigen aller drei Soldaten berichteten, dass ihnen wegen ihrer Weigerung, den Vertrag zu unterschreiben, damit gedroht wurde, sie in die Region Kursk zu bringen und „auszulöschen“.

Pokrowsk

Zentrum von Pokrowsk  vor der russischen Zerstörung -- Foto: MOs810 -- Lizenz: CC BY-SA 3.0

Pokrowsk ist eine Stadt in der Region Donezk, um die zur Zeit heftig gekämpft wird. Die Stadt hatte ursprünglich mal 60.000 Einwohner, fast alle Bewohner haben inzwischen die Ruinen der Stadt verlassen. Die Situation für die ukrainischen Verteidiger hat sich angeblich in letzter Zeit verschlechtert, die russische Propaganda berichtet täglich von neuen Geländegewinnen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit:  Der russische Kanal ZOW Insider, der aktuelle Verlustlisten der russischen Soldaten erstellt, hat  am 23. Juli einen wütenden Bericht veröffentlicht, den wir hier übersetzt dokumentieren:

Wir sind wieder im "Autonomen Kreis der Tschuktschen" - kurz Tschukotka - im fernen Nordosten Russlands. Der Gemeindebezirk Anadyr ist die größte Untereinheit in Tschukotka mit einer Fläche etwa vier mal so groß wie Bayern. In dieser riesigen Fläche gibt es gerade mal 12 Gemeinden mit rund 8.800 Bewohnern. Und wahrscheinlich ist auch diese Zahl übertrieben, da die Einwohner häufig ganz woanders in Russland arbeiten und leben und nur noch pro forma in den kleinen Dörfern gemeldet sind. Die Hauptstadt Tschukotkas, Anadyr, gehört nicht zum Gemeidebezirk.

Der Bezirk hat ein viel zu langes Video mit den 43 im Krieg gegen die Ukraine gefallenen Bewohner veröffentlicht. Wir veröffentlichen die Screenshots über die einzelnen Gefallenen zusammen mit dem übersetzten Text. In der Summe ergibt das einen guten Überblick über die Männer, die in den weit entfernten Krieg gezogen sind und dessen Ursache sie wohl nicht begriffen haben. Die einzeln beschriebenen Heldentaten werden irgendwann in der Reihe "Grimms Märchen" gesammelt veröffentlicht.

Emil Arturowitsch Renk

Emil Arturowitsch Renk (Ренк Эмиль Артурович) lebte in Syktywkar, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Komi. Emil wurde 24.12.1989 geboren. Trotz zweier VKontakte-Seiten und einer weiteren bei Odnoklassniki ist privat wenig bekannt, allerdings lässt sich entfernt auf eine russlanddeutsche Herkunft schließen. Emil arbeitete im Schichtdienst, meldete sich im Oktober 2023 freiwillig und wurde am 14. Mai 2025 getötet.

Jewgeni Alexandrowitsch Zimmermann

Jewgeni Alexandrowitsch Zimmermann (Цимерман Евгений Александрович), geboren am 18.12.1982, lebte in Murmansk. Keine russlanddeutsche Herkunft feststellbar. Dafür war Jewgeni Stammgast bei der Murmansker Gerichtsbarkeit. Neun Zivilverfahren, vier Bußgelder und ein Strafverfahren wurden registriert. Zudem war er bei zwei weiteren Strafverfahren beteiligt.
Am 18.09.24 verschwand Jewgeni an der Front, im April 25 wurde er bestattet.

Erich Frei

Das ist Erich Frei (Фрай Евгений Витальевич), der auf dem Foto die russische Flagge schwenkt. Erich ist ein Russlanddeutscher, der allerdings ziemliche familiäre Probleme hatte. "Seine Kindheit könne man kaum als wolkenlos bezeichnen", heißt es wolkig im Nachruf.  Erich, geboren am  02.09.2002, ging in Omsk zur Schule, sein weiterer Lebensweg bleibt im Nebel. Am 5. September 2024 zog er in den Krieg, bereits am 26. Oktober war er tot.

Die russischen Behörden weigern sich, freigelassene Gefangene nach Hause zurückzuschicken

GefangeneZurück

Nach einem der größten Gefangenenaustausche im Mai 2025 – 1000 gegen 1000 Soldaten – berichten die Angehörigen der zurückgekehrten Soldaten, dass ihre Ehemänner, Brüder und Söhne nicht einmal für einen Tag nach Hause zurückgebracht wurden. Sie wurden zurück an die Front gebracht, darunter auch Schwerverletzte.

Alischer Esetowitsch IdrisowAlischer Esetowitsch Idrisow wäre eigentlich ein Kandidat für unsere Rubrik Kriegsbilder. Er wurde am 6. Juni 2006 im Dorf Kzyl-Agasch, Bezirk Moskalenski, in der Region Omsk geboren. Das Dorf ist eigentlich ein Aul, also eine recht chaotische Ansammlung von Häusern, die entstanden ist, als die nomadisch lebenden Bewohner der Region sesshaft gemacht wurden. Das Dorf wurde im Jahr 2010 von 237 Menschen kasachischer Abstammung bewohnt.

Alischer war ein guter Schüler, nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung an einer Berufsschule in Omsk im Fach „Bau und Betrieb von Gebäuden und Bauwerken“ (pdf). Offensichtlich hat er die Lehre abgebrochen, musste folglich seinen Wehrdienst ableisten und wurde im November 2024 zu einem Zeitvertrag "überredet".  Am 13. Mai 2025, also etwa ein halbes Jahr später, wurde Alischer im Krieg gegen die Ukraine getötet.

Der örtliche Ableger der russischen Staatspartei "Einiges Russland" hat zum Tod von Alischer einen Nachruf verfasst, der eindrucksvoll genau in das Propagandaschema passt, das wir in unserer Zusammenfassung des Monats Juni 2025 beschrieben haben: "Im Krieg sterben eben auch unsere Soldaten!" Die toten Soldaten werden propagandistisch überhöht, die lebenden Soldaten werden an der Front skrupellos verheizt.

Wir dokumentieren den Nachruf in deutscher Übersetzung:

Alkatwaam

Dorf Alkatwaam in Tschukotka

Das Dorf Alkatwaam in Tschukotka kann man nicht über eine Straße erreichen. Es gibt eine etwa 20 km lange Schotterpiste zum nächsten Ort und an die Küste des Beringmeers, wo sich ein Hafen und ein kleiner Flugplatz befindet.  Das Dorf besitzt eine Schule, einen Kindergarten, eine Bibliothek, ein Gemeindezentrum, eine Krankenstation, ein Postamt, einen Laden und eine Bäckerei. Die Bewohner leben von der Rentierzucht und dem Fischfang.

Aber auch dieses Dorf hat die Schwindsucht, 2010 lebten dort noch 299 Menschen, im Jahr 2023 zählte man nur noch 166. Bisher haben wir  sechs Männer erfasst, die im fernen Krieg in der Ukraine getötet wurden:

Ramis Miniradikowitsch Achmetschin

Gerade sind wir im Askinsky Bezirk in Baschkortostan, der im Norden der russischen Teilrepublik liegt. Im Dorf Utjaschin wohnten im Jahr 2017 noch etwa 182 Menschen. Neuere Zahlen gibt es nicht, aber die Einwohnerzahl nimmt stetig ab. Im Hof der Familie Achmatschin findet eine Abschiedszeremonie statt für Ramis Miniradikowitsch Achmetschin, der im Krieg gegen die Ukraine getötet wurde. Ramis, geboren am 20.11.1997, hatte sich freiwillig zum Kriegsdienst verpflichtet.

Staraja Kulatka

Staraja Kulatka ist ein Dorf städtischen Typs im Süden der Oblast Uljanowsk, seine Bewohner sind überwiegend Tataren. Um die Jahrtausendwende lebten noch 6.000 Menschen im Dorf, heute sind es nur noch 4.000.

Am 17. Juni 25 wurde im Dorf  Ildar Rawilewitsch Achtjamow bestattet, der im Krieg gegen die Ukraine getötet wurde. Ildar war ein Sturm-V Soldat, die peinliche Tatsache wurde im Nachruf verschwiegen. Im Juli 2023 war er zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Beim Kauf von gebrauchten Autoteilen hatte er Streit mit dem Verkäufer und verprügelte ihn mit einem Mittäter. Danach setzten sie das Opfer in ein Auto und warfen ihn schließlich in den Fluss. 

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