Andrej ZlygostewKönnten wir mit unserer Berichterstattung über den russischen Angriffskrieg noch einmal von vorne beginnen - also zum Anfang des Krieges zurückspringen, dann würden wir eine extra Rubrik für Waisen eröffnen. Wir wissen nicht, wie viele Waisen auf russischer Seite gefallen sind, aber es sind sehr viele. In den Waisenhäusern Russlands werden die Heranwachsenden gezielt zum Militärdienst erzogen, um „richtige“ Männer aus ihnen zu machen.

Eigentlich müsste der Staat den jungen Leuten ein Zimmer oder eine Wohnung zur Verfügung stellen, wenn sie aus der Obhut der Waisenhäuser entlassen werden. Aber das findet häufig nicht statt oder wird an die Unterzeichnung eines Militärvertrags geknüpft. Zudem fehlt es den Waisen im Berufsleben meist an Unterstützern, so dass sie nur als einfache Hilfsarbeiter eine Anstellung finden. 

Andrej Zlygostew (Foto links) aus Mirny in Jakutien (Sacha) ist so ein Fall.

Desert

Nachdem wir in der Regel von getöteten russischen Soldaten berichten, wollen wir hier fünf Fahndungsplakate nach lebenden Soldaten aus dem von Russland zerstörten Mariupol zeigen. Sie wurden aktuell an Bushaltestellen ausgehängt und zeigen fünf gesuchte Deserteure der russischen Armee. Es handelt sich um vier Männer aus der von Russland besetzten Ukraine und einem jungen Mann aus der russischen Oblast Uljanowsk.

Elista Hauptstadt

Elista, Hauptstadt Kalmückiens -- Foto: Alexxx1979  -- Lizenz: CC BY-SA 4.0

Kalmückien ist eine russische Teilrepublik im südlichen Teil Russlands, die im Südosten an das kaspische Meer angrenzt. Das Land ist stark versteppt als Resultat von intensiver Viehhaltung aus Zeiten der Sowjetunion. Immer mehr Land wurde und wird zur Wüste. Dazu kommt noch die Versalzung des Trinkwassers und des Sandes als Folge des Rückgangs des Wasserpegels des Kaspischen Meeres. Die Öl- und Gasvorkommen am Kaspischen Meer werden von russischen staatlichen Konzernen ausgebeutet.

Die Kalmücken sind ein ehemaliges Reitervolk aus dem Westen der Mongolei, das sich in dieser Region angesiedelt und den buddhistischen Glauben mitgebracht hatte. Die Kalmücken stellen mehr als 60% der Bevölkerung.

Wir veröffentlichen zum zweiten Mal eine Liste aller im Krieg gegen die Ukraine gefallenen ethnischen Kalmücken, Sie ist nicht identisch mit unserer normalen Liste, die alle Bürger Kalmückiens umfasst. Auffällig hier ist, dass deutlich mehr ethnische Kalmücken unter den Kriegstoten zu finden sind. Bis Januar 2026 haben wir 156 Kriegstote auf 100.000 Einwohner Kalmückiens berechnet. Nimmt man nur die ethnischen Kalmücken, so kommen wir auf 259 Kriegstote auf 100.000 Kalmücken.

Patriot Wladiwostok01

Michail Kalinkin, 19 Jahre, wurde im Krieg gegen die Ukraine getötet. Er stammte aus Wladiwostok, hatte seinen Wehrdienst abgeleistet und danach einen Vertrag mit dem russischen Militär abgeschlossen. Der Nachruf verbreitete die übliche Legende, dass er bei der Evakuierung von Verwundeten von den hinterhältigen Ukrainern getötet wurde. Michails kurzer Lebensweg war vorbestimmt, er wurde schon als Jugendlicher zum Soldaten und zum Töten herangezogen.

Alygscher

Das Tofalanen-Dorf Alygscher im Ostsayan -- Foto:  Rusinserg -- Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wir haben die sibirische Ethnie der Tofalaren bereits im Januar 2026 vorgestellt. Die Tofalaren sind eine turksprachige Ethnie, die früher nomadisch gelebt hat und die durch andere Ethnien in das abgelegene Gebiet im Ostsayan abgedrängt wurde. Das Volk ist klein, es gibt nur noch 800 Menschen, die sich als Tofalare bezeichnen können. Im abgelegenen Tofalaren-Dorf Alygdscher im Bezirk Nischneudisk der Oblast Irkutsk lebten zuletzt noch weniger als 400 Menschen.

Jetzt sind erneut zwei sehr junge Tofalaren aus dem Dorf Alygdscher im Krieg gegen die Ukraine  in  den Tod geschickt worden.  Sergej Denisowitsch Tokuew, geboren am 20. Juni 2007, getötet am 31.12.2025 und Arseni Josifowitsch Smeschikow, geboren am 26. Februar 2003, getötet am 14.April 2025. Wir veröffentlichen die Meldungen im übersetzten Original.

Werbung MilitaerWir haben bereits erwähnt, dass das russische Militär im Moment nicht genügend Freiwillige findet, um die monatlich verletzt und getötet ausscheidenden Soldaten im Krieg gegen die Ukraine zu ersetzen. Einer der Gründe waren die stark reduzierten Prämien bei Vertragsschluss, weil die meist defizitären Regionen Probleme haben, diese Beträge zu finanzieren. Ein anderer Grund ist die hohe Verlustrate unter den Freiwilligen, die häufig beim ersten Einsatz bereits verletzt oder getötet werden.

Um die von der Zentralregierung festgesetzten Quoten zu erfüllen, haben einige Regionen die Prämienzahlungen wieder erhöht. Die russische Regierung bietet inzwischen sogar Hilfe dabei an, sich in der Region einzuschreiben, die die höchsten Prämien zahlt. Ein Bot soll interessierten dabei behilflich sein.

Wir geben die Zahlen der russischen Regierung im übersetzten Original wieder:

Sergei Ruslanowitsch Lodygin

Eigentlich handelt es sich um zwei Geschichten, über die wir hier schreiben wollen. Die Erste handelt von Sohn & Vater und ist recht kurz. Die Zweite handelt von dem Dorf Jugydjag in der russischen Teilrepublik Komi, das Teil des sowjetischen Gulag-Systems war und in das Russlanddeutsche verbannt wurden.

Sergei Ruslanowitsch Lodygin unterschrieb im Oktober 2023 einen Zeitvertrag mit dem russischen Militär und wurde am 23.03.2025 getötet. Also meldete sich sein Vater, Ruslan Anatoljewitsch Lodygin, freiwillig und unterschrieb noch im März 2025 den Vertrag. Ruslan wurde 31.12.2025 in der Region Belgorod getötet. Gemeinsam wurden beide am 10. Januar 2026 im Dorf Jugydjag bestattet.

Und jetzt zur zweiten Geschichte:

Dalyr

Dorf Dalyr im Werchnewiljujski Ulus (Bezirk) in Jakutien 

Wir befinden uns ganz grob im Zentrum der russischen Teilrepublik Jakutien. Der Werchnewiljujski Ulus (Bezirk) ist nicht ganz so groß wie Niedersachsen, wird aber nur von rund 21.000 Menschen bewohnt, fast ausschließlich Jakuten und Ewenken. Das Klima ist ausgeprägt kontinental, mit Wintertemperaturen von bis zu minus 60 Grad Celsius und Sommertemperaturen von bis zu 33 Grad Celsius.

Das Dorf Dalyr liegt in diesem Bezirk und dort wohnen rund 700 Menschen. Und auch in diesem abgelegenen Teil Jakutiens ist der russische Angriffskrieg angekommen.

Drei Brüder aus dem Dorf, Kinder der ehemaligen Lehrerin Valentina Osipow(Video), wurden aktuell im Krieg gegen die Ukraine getötet. Insgesamt haben wir sieben getötete und einen vermissten Soldaten aus Dalyr erfasst.

Andrej Jewgenjewitsch Graf

Andrej Jewgenjewitsch Graf (Граф Андрей Евгеньевич), geboren am 03. Dezember 1991, lebte im Dorf Golyschmanowo in der sibirischen Oblast Tjumen. Sein VKontakte-Status ist verwaist und gibt keine Informationen her. 
Seine Schwester hat unter ihren Freunden allerdings einige Personen mit deutschem Namen. Man kann deshalb eine russlanddeutsche Abstammung annehmen.
Wann und warum Andrej in den Krieg zog, konnten wir nicht herausfinden. Am 11. Mai 2025 wurde sein Tod öffentlich gemacht.

Igor Keller

Igor Wladimirowitsch Keller (Келлер Игорь Владимирович), geboren am 24.11.1984, lebte mit seiner (Ex-?)Familie in der Stadt Kamen am Ob in der Region Altai. Er war etwas bei Odnoklassniki (Klassenkameraden) aktiv, unter seinen Freunden finden sich auch deutsche Namen.
Im August 2023 findet man dort auch einen Aufruf zur Ablösung von Wladimir Putin.
An 31.12.2024 schreibt seine Schwester: „Ich suche meinen Bruder Igor Wladimirowitsch Keller, geboren am 24. November 1984. Er ging am 4. Dezember 2024 auf einen Kampfeinsatz. Seit dem 10. Dezember 2024 gilt er als vermisst.“

Maxim Lindermann

Maxim Lindermann 
(Линдерман Максим Дмитриевич), geboren am 24.09.1994, lebte in der westsibirischen Großstadt Kurgan. Er hatte ein gepflegtes Aussehen, ein abgebrochenes Hochschulstudium und arbeitete wohl als Barkeeper.
Wir haben keine Hinweise zu einer russlanddeutschen Herkunft gefunden. Und wir haben auch auf seinen Seiten bei VKontakte und Instagram keinerlei Anhaltspunkte gefunden, warum er in den Krieg gegen die Ukraine gezogen ist.
In einem inzwischen gelöschten Beitrag auf Telegram wurde nach ihm unter den gefallenen Soldaten gesucht, das russische Erbschaftsregister meldete seinen Tod am 20. Februar 2025.

Familie Lutschnikow

Familie Lutschnikow mit ihren beiden Adoptivkindern

Iwan Maslennikow und Pawel Popow waren zwei afro-russische Kinder von verschiedenen Müttern, die in Waisenhäusern in Moskau aufwuchsen. In beiden Fällen handelte es sich um Kinder von afrikanischen Männern und russischen Frauen. Die Männer blieben nicht in Russland, die Frauen wollten sich nicht mit einem „farbigen“ Kind belasten und gaben die Kinder in staatliche Fürsorge.

Beide Kinder wurden in jungen Jahren von der musikalischen Familie Lutschnikow aus der Stadt Uwarowo in der Oblast Tambow adoptiert, die keine Probleme mit der Hautfarbe der Kinder hatte.

Syktyvkar Komi Republic Russia

Syktywkar -- Foto: msdte -- Lizenz: CC BY 3.0

Etwa 4.000 Bewohner hat die Siedlung Werchnjaja Maksakowka. Sie gehört zu Syktywkar, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Komi und hatte nach dem zweiten Weltkrieg sogar eine deutsche Geschichte. Von 1931 bis 1956 befand sich auf dem Gebiet des Dorfes eine Sondersiedlung, in der enteignete Bauern und später deportierte russische Deutsche lebten. Ein Gedenkstein im Ort erinnert an diese Russlanddeutschen.

In dieser Siedlung wuchsen zwei Jugendliche auf, die miteinander befreundet waren und sich gemeinsam entschlossen, zusammen in den Krieg zu ziehen - Wladislaw Jurjewitsch Katyschew und Wladislaw Alexandrowitsch Bojarkin

Sergey PushninZurück in die Jahre 1998 bis 2010 ins ferne Sibirien: In der Großstadt Krasnojarsk mit rund 1,4 Millionen Einwohnern trauten sich Frauen am Abend nicht mehr allein auf die Straße. Ein Serienvergewaltiger und Mörder ging um und konnte lange nicht gefasst werden. Und weil der Mann sich zudem an den Toten verging, wurde er öffentlich als „Krasnojarsker Nekrophile“ gesucht.

Im Jahr 1999 wurde er wegen Vergewaltigungen zu neun Jahren verurteilt, die Morde konnte man ihm noch nicht nachweisen. Erst 2009 wurde er auch als Mörder identifiziert und zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt.

Aber Sergej bekam eine dritte Chance, sich an der Front in der Ukraine zu bewähren. Dort verschwand er im November 2024 und tauchte schließlich im russischen Nachlassregister wieder auf.

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