Vorausgeschickt: Seit Beginn des russischen Angriffskrieges ermitteln wir die russischen Kriegstoten aus offenen Quellen. Wir machen das ohne Werbung, ohne Unterstützung von außen, sind politisch ungebunden und tragen die erheblichen Kosten selbst. Wir erstellen alle Informationen nach bestem Wissen und Gewissen.

Im Osten nichts Neues!

Man kann den russischen Angriffskrieg in der Ukraine in einigen Punkten mit dem ersten Weltkrieg vergleichen. Die Wucht der russischen Angriffe hat die Lebensgrundlage vieler Ukrainer zerstört und zerschossenes, verwüstetes und geplündertes Land hinterlassen. Angreifer und Verteidiger hocken hinter aufwändig errichteten Stellungen, die Sturmangriffe auf diese Festungen kosten tausenden Soldaten das Leben, doch die Front bewegt sich kaum. 

Im Juni und Juli 2024 kamen jedoch auch die geringen russischen Erfolge zum Stillstand. Aber die russischen Angriffe mit der Taktik der Infiltration der ukrainischen Stellungen gehen weiter und so sterben täglich hunderte Angreifer an der Front.

Doch der Krieg hat eine neue Dimension eingenommen. Er findet nicht mehr ausschließlich in der Ukraine und im Grenzgebiet zu Russland statt. Er hat sich auf das gesamte europäische und das westliche asiatische Russland ausgeweitet.

Angriffe auf die Ökonomie

Zunächst haben ukrainische Drohnen die Erdölexporte aus der Region um St. Petersburg und um die Schwarzmeerhäfen Russlands gestört. Gleichzeitig wurden die russischen Erdölraffinerien systematisch in Brand gesetzt und damit die Benzin- und Dieselversorgung in ganz Russland erschwert und verteuert. Im Juli wurde zudem das größte Logistik- und Handelsunternehmen Russlands, Wildberries, angegriffen und zahlreiche ihrer Warenlager komplett zerstört. Wildberries ist vergleichbar mit dem amerikanischen Konzern Amazon.

Durch Drohnen wurde die Halbinsel Krim von der Logistik aus Russland abgeschnitten, Benzin und Diesel sind dort nur noch schwer zu bekommen und auch die Stromversorgung wurde in weiten Teilen der Halbinsel ausgeschaltet. Die diesjährige Urlaubssaison auf der Krim dürfte ein wirtschaftliches Desaster werden.

Aber auch Russland hat reagiert und überzieht die Ukraine mehrfach in der Woche mit Kaskaden von ballistischen Raketen. Auf Grund des Mangels an Patriot-Abfangraketen hat die Ukraine keine Möglichkeit, diese Angriffe abzuwehren. So zerstört auch Russland systematisch die wirtschaftlichen Grundlagen der Ukraine. Und immer mehr Zivilisten werden bei diesen Angriffen getötet.

Bis zum letzten Russen

Wobei wir wieder beim Ersten Weltkrieg wären. Durch den Eintritt der USA in den Krieg auf Seiten der Alliierten verschob sich das Kräfteverhältnis entscheidend. Am Ende gewannen die Staaten mit dem größten Ressourcen- und Industriepotential.

Anderer Meinung ist der russische Ökonom Igor Lipsitz, der im litauischen Exil lebt und in einem Interview mit dem Zeit-Magazin meint:

Es ist sinnlos zu glauben, wir könnten die russische Wirtschaft so sehr zerstören, dass Russland den Krieg gegen die Ukraine einstellt. Solange Putin lebt, wird Russland bis zum letzten Russen, bis zum letzten Rubel, bis zum letzten Liter Benzin kämpfen. Wahrscheinlich wird Russland dabei in einen Zustand des permanenten Krieges übergehen.

Wie stehen die Russen zum Krieg gegen die Ukraine?

Wieder haben wir uns geirrt! Nachdem im Juni die Zustimmungswerte zur Leistung des Präsidenten Wladimir Putin um 5% gefallen waren, haben wir angenommen, dass diese Werte im Juli weiter fallen würden. Der Grund: Die Versorgungsengpässe mit Benzin im ganzen Land, die brennenden Warenlager von Wildberries  und die schlechten wirtschaftlichen Zahlen.

Das unabhängige russische Meinungsforschungsinstitut, Lewada, schreibt zur Entwicklung am 30.07.26:

Der zuvor beobachtete Rückgang der Zustimmungswerte für die Regierung stoppte im Juli, wobei einige Werte sogar leicht anstiegen...

Die Zustimmungswerte für Wladimir Putin als Präsident blieben im vergangenen Monat unverändert und lagen Ende Juli bei 74 %, womit der seit August 2025 beobachtete Abwärtstrend gestoppt wurde. Jeder fünfte Befragte (20 %) missbilligte die Leistung des Präsidenten.

Nimmt man die Daten des Lewada-Zentrums über die Zustimmung zu Wladimir Putin seit Beginn des russischen Angriffskrieges, ergibt sich folgendes Schaubild:

ZustimmungPutin 06 26

In den sozialen Medien wurden viele Videos geteilt, die extrem lange Schlangen an den Tankstellen zeigen. Kleine Händler berichten unter Tränen von ihren bei Wildberries gelagerten Warenbeständen, die sich in Rauch aufgelöst haben.

Die meisten Kohlegruben im Kusnezker Becken (Kemerowo) haben ihren Betrieb suspendiert und die Arbeiter wurden freigestellt. Ein bedeutender Teil der zivilen russischen Industrie schwächelt und auch hier wurden Arbeiter und Angestellte freigestellt, die nicht in den offiziellen Arbeitslosenstatistiken auftauchen. Dazu noch der inzwischen endlose Krieg, die Unmöglichkeit für viele Russen ins Ausland zu reisen, usw. Und trotzdem stellt das Lewada-Zentrum in seiner aktuellen Umfrage fest:

Mehr als die Hälfte der Befragten (57 %) gaben an, sich normal und stabil zu fühlen; dieser Anteil stieg im Juli leicht an. Drei von zehn Befragten (28 %) berichten von negativen Emotionen (Stress, Gereiztheit, Angst und Melancholie), ein Anstieg um 10 Prozentpunkte seit November 2025. Weitere 14 % der Befragten gaben an, sich ausgezeichnet zu fühlen.