Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass Russland in diesem Jahr nicht genügend Zeitsoldaten rekrutieren konnte, um die Verluste an der Front auszugleichen. Wir hatten hier bereits darüber berichtet.
Will die russische Armee ihre erklärten Ziele – nämlich die Eroberung des gesamten Donbass erreichen, dann benötigt sie Soldaten, Soldaten, Soldaten.
Das gestaltet sich zunehmend schwieriger, dazu ein paar Ausführungen:
Die russischen Haftanstalten
Der Chef der Gruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, hatte im Herbst 2022 damit begonnen, Gefangene aus den Haftanstalten zu rekrutieren. Die Häftlinge mussten sich für ein halbes Jahr verpflichten. Wer diese Zeit an der Front überlebte, konnte frei nach Hause zurückkehren. Prigoschin bevorzugte Schwerstkriminelle ohne Hemmungen andere zu töten. Im Bachmut-Fleischwolf wurden etwa 20.000 Söldner getötet, die meisten davon Häftlinge.
Nach dem Ende der Gruppe Wagner setzte die russische Armee die Rekrutierung fort. Jetzt waren es Sturm-Z-Soldaten, die in besonderen Einheiten zusammengefasst und denen die gefährlichsten Aufgaben zugewiesen wurden.
Dass jene Z-Soldaten nach einem halben Jahr in die Freiheit entlassen wurden, sorgte schnell für Unruhe innerhalb der Armee. Deshalb wurde umgestellt: Die neuen Sturm-V-Soldaten bekamen die selben Bedingungen wie die Freiwilligen – Entlassung erst nach Ende des Krieges.
Doch inzwischen ist das Reservoir der Haftanstalten so gut wie erschöpft. Deshalb wird bereits auf Verdächtige, die von der Polizei festgenommen wurden, viel Druck ausgeübt, einen Vertrag mit dem Militär abzuschließen – ganz ohne Gerichtsverfahren.
Doch mit jenen Häftlingen kann das Militär nur wenig anfangen. Viele haben HIV oder Hepatitis, sind drogenabhängig und/oder sind unzuverlässig und undiszipliniert.
Russische Freiwillige
Das Reservoir an kriegsbegeisterten russischen Bürgern ist ebenfalls so gut wie aufgebraucht.
Unter der Jugend, seit dem Kindergarten „patriotisch“ und wehrtüchtig erzogen, gibt es immer wieder junge Männer, die gerne in den Krieg ziehen wollen. In den meisten Fällen verhindert das die Familie, so bleiben nur jene Waisen, die wir so häufig dokumentiert haben, oder Jugendliche aus gescheiterten Familien.
Bei den Freiwilligen, die einen Vertrag zum Kriegsdienst unterschreiben, geht es in der weit überwiegenden Anzahl nur um das Geld – also die hohen Prämien bei Vertragsschluss, der gute Verdienst beim Militär und für die Angehörigen – die hohen staatlichen Zahlungen bei Verwundung und Tod (siehe hier & hier)
Im letzten Jahr war der Druck auf die regionalen Militärkommissare groß, möglichst viele Soldaten zu rekrutieren, dass man bei Feststellung der Tauglichkeit so gut wie alle Augen zugedrückt hatte. Das „Menschenmaterial“, das so an die Front geschickt wurde, taugte gerade mal für die Angriffstaktik der Infiltration (siehe), die mit hohen Verlusten einhergeht – also als Material für den Fleischwolf.
Für die ganz verzweifelt in Geldnöten steckenden Staatsbürger hat die russische Regierung ein ganz besonderes Paket geschnürt. Wer bis zu 10 Millionen Rubel Schulden angesammelt hat (knapp 120.000 €) und bei dem der Gerichtsvollzieher schon in der Wohnung steht, der kann seine Schulden erlassen bekommen, wenn er einen Vertrag zum Kriegsdienst unterschreibt. Die Details haben wir hier aufgelistet.
Wir dokumentieren ständig, dass jene Freiwilligen nur eine kurze Überlebensspanne an der Front haben. In Zeiten knapper werdenden russischen Kassen stellt sich damit die Frage, wie ökonomisch jene Kriegsführung ist.
Jeder getötete russische Soldat kostet den Staat, also Leistungen der Zentralregierung und Region zusammengenommen, zwischen fünf und 14 Millionen Rubel (60.000 und 166.000 €). Bei täglich etwa 500 Kriegstoten ist es nur eine Frage der Zeit, bis die öffentlichen Haushalte diese Zahlungen nicht mehr stemmen können.
Ausländer an die Front
Im Zusammenspiel mit mafiösen oder besser kriminellen Strukturen in Afrika und Asien hat Russland versucht, ausländische Söldner für den Kriegsdienst zu rekrutieren.
Manche der so gewonnenen Söldner wussten, auf was sie sich einließen. Andere wurden nach Russland gelockt, mit dem Versprechen auf einen Ausbildungsplatz oder einem gut bezahlten Job – mit der Option später die russische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Die untergeschobenen Verträge waren in russischer Sprache verfasst, die die angeworbenen Ausländer nicht lesen und verstehen konnten.
So kam es zu Hilferufen an die Angehörigen, die Heimatregierungen mussten reagieren und viele Nationen in Asien und Afrika haben schließlich Zusagen bekommen, dass die Rekrutierung ihrer Staatsbürger eingestellt würde.
Mobilisierung Teil II
Im Herbst 2022 hat die russische Regierung 300.000 Reservisten für den Krieg in der Ukraine mobilisiert. Bereits diese Aktion war in der Bevölkerung sehr unpopulär.
Jetzt sind diese Soldaten bereits vier Jahre im Krieg, viele davon sind kriegsversehrt oder wurden getötet. Deshalb steht eine neue Mobilisierungswelle im Raum.
Allerdings gibt es viele politische und wirtschaftliche Gründe gegen eine neue Mobilisierung. Der Krieg gegen die Ukraine wurde als gezielte, chirurgische Maßnahme propagiert, die auf das normale Zusammenleben der Bürger in Russland keinen Einfluss ausübt. Werden erneut viele Männer eingezogen, so kommt der Krieg wieder in viele Haushalte in ganz Russland. Die Zustimmung in der Bevölkerung zum Krieg, zum Präsidenten und der Regierung würde weiter erodieren.
Deshalb wird in der Regierung auch an eine schleichende Mobilisierung gedacht. Statt einmal viele Reservisten gleichzeitig einzuziehen, könnten jeden Monat eine kleinere Anzahl an Bürgern mobilisiert werden. Die rechtlichen Voraussetzungen dafür gibt es bereits und Militärämter drohen auch Männern damit, die ihre Papiere dort aktualisieren müssen (Video rechts).
Russland leidet zudem an einem erheblichen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften (siehe). Der Niedergang der russischen Ökonomie würde durch einen weiteren Entzug von Arbeitskräften beschleunigt.
Qualität statt Quantität
Um den Angriffen der russischen Armee neuen Schwung zu verleihen, will das Militär stärker auf Drohneneinheiten setzen. Dafür benötigt man computeraffine junge Männer, geschult in den Kriegs- und Actionspielen am Bildschirm.
Jede Berufsschule und Universität sollte mindestens zwei Prozent ihrer Auszubildenden für das Programm abstellen. Wir haben darüber berichtet (Link 0, 1, 2, 3). All diesen Studenten wurde ein sicherer Job fernab der Front versprochen.
Auch dieser Versuch hat wohl nicht den gewünschten Erfolg erzielt. Es gibt Berichte, dass nur etwa 2.000 Auszubildende und Studenten solch einen Vertrag unterzeichnet hätten. Die meisten davon wären sonst als Gescheiterte von der Ausbildungsstätte ausgeschlossen worden. So konnten sie sich eine neue Chance verschaffen.
Doch all die Versprechungen des Militärs, jenen Drohnenpiloten einen sicheren Arbeitsplatz weit weg von der Kampflinie zuzusichern, können auf Grund des sich ständig ändernden Kriegsgeschehens nicht eingehalten werden. Einen ersten getöteten Drohnenpiloten, der Anfang des Jahres seinen Vertrag unterschrieben hatte, haben wir hier vorgestellt.
So gibt es jetzt regionale Versuche, Behörden und Großunternehmen dazu zu zwingen, Angestellte für die „besondere Militäroperation“ abzustellen. Einen Erlass des Gouverneurs von Rjasan haben wir hier dokumentiert.
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