Dorf Anjuisk im Autonomen Kreis der Tschuktschen -- Foto: AlGaman -- Lizenz: CC BY-SA 3.0
Das Dorf Anjuisk liegt im Nordwesten des Autonomen Kreises der Tschuktschen an der Grenze zu Republik Sacha (Jakutien). Im Gegensatz zu vielen anderen Dörfer der Region besteht die Bevölkerung mehrheitlich aus Ewenen. Doch die Bevölkerung nimmt stetig ab, im Jahr 2023 lebten noch 380 Menschen im Dorf. Anjuisk liegt 255 km vom Bezirkszentrum Bilibino und 800 km von der Hauptstadt Anadyr entfernt. Die durchschnittliche Tagestemperatur über das ganze Jahr hinweg beträgt -6,7° Celsius.
Einer der Bewohner des Dorfes war Wsewolod Alexejewitsch Nesterow, geboren im Jahr 1990, verheiratet, drei Söhne, gefallen am 4. Juli 2025 im Krieg gegen die Ukraine. Seine Geschichte wollen wir heute erzählen.
Wsewolod (Foto links) war fünf Jahre lang gewählter Vertreter im Gemeinderat des Dorfes, aber sicher kein einfacher Charakter und wahrscheinlich genau so rau wie das Klima der Gegend nördlich des Polarkreises. Und so handelte er sich in seinem jungen Leben auch einige Vorstrafen ein.
Im Jahr 2018 stand er wieder mal vor Gericht. Er stellte in angetrunkenem Zustand eine Nachbarin zur Rede, die angeblich schlecht über seine Ehefrau geredet hatte. Die Sache artete aus, Wsewolod verpasste dem Opfer ein paar Ohrfeigen, hielt ihr ein Messer an den Hals und drohte sie zu ermorden. Zudem hatte er noch einen Ski eines Schneemobils aus einem verschlossenen Container geklaut. Beide Straftaten brachten ihm 300 Stunden Zwangsarbeit ein.
Sein nächster Termin beim Bezirksgericht in Bilibino war im März 2022. Das „Verbrechen“ geschah allerdings bereits im Oktober 2020. Wsewolod hatte sich mit einem Motorboot auf den Weg gemacht, um irgendwo im Mündungsgebiet des Kolyma zu fischen, allein und etwa 270 km vom Dorf Anjuisk entfernt. Er hatte sich in der Weite des Flusses verfahren, wendete und wollte in der nächst gelegenen Siedlung Tscherski nach dem Weg fragen. Am Ufer einer Insel sah er einen verendeten Eisbären, etwa 300 kg schwer und mit einer Plane bedeckt.
Wsewolod beschloss den Bären zu häuten, um das wertvolle Bärenfell an sich zu nehmen. Alleine einem solch schweren Bären das Fell abzuziehen, erfordert viel Zeit und Kraft. Wsewolod warf den gehäuteten Kadaver in das Wasser, gab das Fischen auf und fuhr mit dem Boot nach Hause. Etwas später brachte er das Fell in sein Sommerhaus, wo er es gerbte und trocknete.
Die Sache flog allerdings schnell auf. Zwei Inspektoren des Naturschutzgebietes hatten den toten Eisbären bereits zuvor entdeckt, ihn mit einer Plane abgedeckt und wollten ihn später abholen, um die Todesursache festzustellen zu lassen. Auch trotz der dünn besiedelten Weite des Landes konnte der Dieb ein halbes Jahr später ermittelt werden. Eisbären stehen in Russland auf der Roten Liste der geschützten Tierarten. Der Erwerb, Handel, Lagerung und Transport sind verboten. Wsewolod wurde zu 220 Stunden Zwangsarbeit und zur Zahlung der Verfahrenskosten von knapp 50.000 Rubel verurteilt.
Man kann davon ausgehen, dass die Ewenen eine völlig andere Einstellung zu den Tieren im hohen Norden haben. Sie leben von der Jagd und vom Fischfang. Ein zufällig gefundener Eisbär ist für sie ein Glücksfall wegen des wertvollen Fells. Der russische Naturschutz interessiert sie dabei wenig.
Die Verurteilung von Wsewolod Nesterow könnte dazu geführt haben, dass er sich freiwillig zum Kriegsdienst in der Ukraine gemeldet hatte. So konnte er das Einkommen seiner Familie sichern und die für ihn hohe Geldstrafe bezahlen.
Im Mai 2024 hatte Wsewolod dann Urlaub vom Krieg und kam zurück nach Hause. In der Dorfschule berichtete er den Kindern vom Krieg.
Die Dorfschule schreibt dazu:
Wsewolod Alexejewitsch erzählte den Kindern von seinem Rufnamen, seinem Maskottchen während seiner Dienstzeit, der Reaktion seiner Familie auf seinen Entschluss, den Spezialeinsatzkräften beizutreten, wie er seine Ängste überwand, von humanitärer Hilfe an der Front und von Briefen und ermutigenden Worten von Kindern an unsere Soldaten. Es war den Schülern sehr wichtig zu erfahren, was Soldaten hilft, in einem Kampfgebiet die Ruhe und Moral zu bewahren.
Unser Soldat war so zum Dorfhelden der gesamten Kinderschar geworden. Und natürlich wurde den Kindern ein völlig verzerrtes Bild jenes Krieges vermittelt. Russland wurde niemals von der Ukraine bedroht und musste zu keiner Zeit verteidigt werden. Jene an der Schultafel gezeigten Symbole sind ausschließliche Produkte der russischen Kriegspropaganda.
Und wie fast alle unsere Geschichten gibt es auch hier keinen glücklichen Ausgang. Am 16. Februar 2026 wurde auf Odnoklassnikij der Tod von Wsewolod Alexejewitsch Nesterow gemeldet. Swetlana schreibt:
Heute erreichte uns die traurigste Nachricht. Am 4. Juli 2025 fiel Wsewolod Alexejewitsch Nesterow bei einem Kampfeinsatz in der SWO-Zone.
Es gibt keine Worte, um den Schmerz zu beschreiben, den wir jetzt empfinden. Du warst unsere Stütze, unser Vorbild, unser Held. Dein Mut, deine Pflichterfüllung, deine Liebe zum Vaterland – all das wird für immer in unserer Erinnerung bleiben.
Wir sind stolz auf dich, Sewa! Wir sind stolz auf deinen Heldenmut, dein Opfer. Du hast dein Wertvollstes für Frieden und Sicherheit gegeben.
Ruhe in Frieden, unser lieber Held. Du wirst für immer in unseren Herzen, in unseren Gebeten und in unseren Erinnerungen weiterleben. Wir werden dich nie vergessen.
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