
Vorausgeschickt: Seit Beginn des russischen Angriffskrieges ermitteln wir die russischen Kriegstoten aus offenen Quellen. Wir machen das ohne Werbung, ohne Unterstützung von außen, sind politisch ungebunden und tragen die erheblichen Kosten selbst. Wir erstellen alle Informationen nach bestem Wissen und Gewissen.
Im Oktober haben wir 10.663 russische Gefallene erfasst, die höchste Zahl seit Beginn des Angriffskrieges. Im Moment verlieren wir den Wettlauf mit den vielen Kriegsopfern. So wie es aussieht, werden wir unseren Rückstand in der Auswertung (nicht der Erfassung) nicht aufholen können.
Auf wessen Seite ist die Zeit?
In gut einem Monat wird der russische Angriffskrieg so lange dauern, wie der deutsche Angriffskrieg auf die damalige Sowjetunion am 22. Juni 1941 - drei Jahre und elf Monate. Russland hat sein Ziel, die totale Unterwerfung der Ukraine, bis dato nicht erreicht. Es scheint so, dass der russische Präsident Wladimir Putin weiterhin davon überzeugt ist, dass die Zeit auf seiner Seite ist und sein Land die Ukraine militärisch besiegen kann. Denn sonst hätte er in den Verhandlungen mit den USA einen Kompromiss mit erarbeitet und einem vorläufigen Waffenstillstand zugestimmt.
So opfert Putin jeden Monat mindestens weitere 30.000 Soldaten an der Front - Tote und Verwundete zusammengerechnet - für noch mehr Quadratkilometer ukrainischer Erde. Denn etwas anderes als einen Sieg kann er seiner Bevölkerung nicht verkaufen, will er seine eigene Macht nicht gefährden.
So setzt die russische Regierung darauf, dass die Unterstützung der Ukraine langsam erodiert. Aus den USA kommen immer wieder deutliche Signale, dass sie den Krieg schnell beenden und den Forderungen Russlands nachgeben wollen. Donald Trump ist an allen „Verlierern“ wenig interessiert und hofft auf gute Geschäfte mit dem Rohstoff reichen Russland. Auch in Europa bröckelt die Unterstützung der Ukraine. In Ungarn, der Slowakei und Tschechien sind Regierungen am Schalthebel, die die Unterstützung der Ukraine kritisch sehen und die schnell wieder zu billigem russischem Gas und Erdöl zurück kehren wollen.
Auch die wirtschaftliche Situation für die Ukraine ist wenig rosig. Das Land benötigt für das kommende Jahr nach eigenen Angaben etwa 120 Milliarden Dollar, um überhaupt den Abwehrkampf weiter fortführen zu können. Das Geld soll aus eingefrorenem russischen Vermögen kommen. Allerdings gibt es bisher noch keine Einigung in Europa zu dieser Frage.
Wie genau die militärische Situation aussieht, können wir nicht beurteilen. Für den Krieg gegen Russland hat die Ukraine auf jeden Fall zu wenig Militär um die lange Front zu verteidigen. Auf Grund des langen Krieges soll es auch zu häufigem Verlassen der Einheiten kommen. Neue Brigaden können nicht aufgestellt werden, weil das Personal fehlt oder nicht angetreten ist.
Doch auch auf der russischen Seite sieht es nicht viel besser aus. So wenig wie die Ukraine sich auf Trump verlassen kann, so wenig kann sich Russland auf den wankelmütigen Trump verlassen. Und noch steht die Unterstützung der Ukraine durch die wirtschaftlich bedeutenden Staaten in Europa auf sicheren Beinen.
Zudem schwächt sich die russische Ökonomie beständig ab. Russland konnte den Krieg nicht auf Grund seiner starken ökonomischen Struktur durchführen, sondern ausschließlich durch die Exporteinnahmen von Rohstoffen, Kohle, Erdöl und Gas. Die überschüssigen Einnahmen in diesem Jahrtausend wurden im russischen „Wohlfahrtsfond“ angelegt, der eigentlich das russische Rentensystem unterstützen sollte. Tatsächlich diente er zunehmend der Kriegsfinanzierung und schrumpfte so von Kriegsjahr zu Kriegsjahr.
Im Jahr 2026 dürften die liquiden Mittel des Fonds aufgebraucht sein und Russland steuert auf ein riesiges ökonomisches Problem zu. Die militärische Industrieproduktion kann kaum noch bezahlt werden und viele zivile Betriebe steuern schon heute in den wirtschaftlichen Abgrund.


