Russen gegen die Ukrainer - das gibt es nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch im Medienbereich. Genauer gesagt in der Information über die russischen menschlichen Verlusten im Krieg gegen die Ukraine. Da dieser peinliche und dumme Konflikt jetzt in aller Öffentlichkeit ausgetragen wird und zudem auch unsere eigene Arbeit beeinträchtigt, erscheint es notwendig, darüber zu berichten.

Streit um die Deutungshoheit

Wer liefert die besseren Zahlen & Einschätzungen - darum balgen sich in der Öffentlichkeit zwei Lager. Und wie im Krieg sind es auf der einen Seite die russischen Exilmedien - Medusa, Mediazona und „Conflict Intelligence Team" mit meist russischen Akteuren besetzt, auf der anderen Seite vom ukrainischen Staat initiierte und finanzierte Telegram-Kanäle mit anonymen Akteuren.

Wie alles anfing

Zu Beginn des Krieges im März 2022 hatten wir begonnen, Berichte über gefallene russische Soldaten in den Internetmedien zu sammeln und zu veröffentlichen. Ziel war es zu informieren, wie in Russland über die eigenen Verluste berichtet wird. Ganz am Anfang war es in Russland noch möglich, vorsichtig kritisch über das Geschehen zu berichten und auch Listen der gefallenen Soldaten zu veröffentlichen. Das ging aber nur eine kurze Zeit bis etwa Mitte Mai 2022, danach wurde den russischen Medien das Führen von Verlustlisten verboten.

Parallel zu uns führte auch das staatlich finanzierte US-Medium "Radio Free Europe" aus einigen russischen Regionen solche Verlustlisten und macht das noch heute. Auf Grund der damals noch nicht so riesigen Todeszahlen, haben wir unsere Erkenntnisse mit  deren Linklisten abgeglichen.

Irgendwann im Jahr 2022 wurde auch die Kooperation zwischen der BBC und Mediazona bekannt, die eigene Daten über die russischen Kriegstoten veröffentlicht hatten und schnell durch die überragende Medienpräsenz der BBC bekannt wurden. Doch die Basisdaten von BBC/Mediazona wurden in den ersten Jahren nicht öffentlich gemacht, so dass wir keine Abgleiche vornehmen konnten. Durch die große internationale Verbreitung und Reputation der BBC bekamen diese Statistiken eine große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit.

Die Sache mit den Finanzen

Die Arbeit aller russischen Exilmedien steckt in Schwierigkeiten. Nachdem US-Präsident Donald Trump Anfang 2025 die Hilfsgelder für die "United States Agency for International Development (USAID)" eingefroren hat, ist die Wirtschaftlichkeit all dieser Plattformen nicht mehr gesichert und man findet überall neue Aufrufe, die Projekte finanziell zu unterstützen.

Besonders laut ist die Werbung bei den beiden Exil-Medien Mediazona und Medusa, die beide in die russische Verluststatistik involviert sind. Genaue Informationen liegen uns dazu nicht vor - aber zumindest die Statistik der russischen Kriegstoten scheint immer noch von Dritten finanziert zu werden. So wunderte  es nicht, dass die Datenbank Anfang des Jahres 2025 mit viel grafischem Schnickschnack öffentlich gemacht wurde. Offensichtlich galt es dabei, möglichst viele Mitarbeiter (finanziell) bei der Stange zu halten.

Ein weiterer Akteur auf russischer Seite ist das „Conflict Intelligence Team", ein in Russland gegründetes Investigativteam, das jetzt in Georgien beheimatet ist.

Als vor einigen Monaten einer unserer Helfer die aktuellen russischen Verlustzahlen auf bluesky veröffentlichte, wurde er sofort von einem Medusa-Mitarbeiter angegangen, der offensichtlich noch nichts von uns gehört hatte und schnell versuchte, unsere Ergebnisse zu desavouieren.

Diese Erfahrung machen jetzt auch die aus der Ukraine gestarteten Telegramkanäle - vermutlich alle staatlich initiiert und finanziert. Davon gibt es inzwischen einige:

  • Gorjuschko - Der Kanal sammelt Links auf Meldungen über Kriegstote in den russischen Medien, die wichtigste Informationsquelle überhaupt.
  • Warte nicht auf mich aus der Ukraine" - Der Kanal veröffentlicht Kriegstote, Kriegsgefangene und Suchanfragen von russischen Angehörigen.
  • Poteru (Verluste)" - eine öffentliche Datenbank, die hauptsächlich die Daten von Gorjuschko übernimmt.
  • Das Projekt „Ich will leben“ - Hier sollten - eigentlich - russische Soldaten eine Anlaufstelle finden, wie sie dem Klammergriff des Militärs entkommen können. Das relativ neu gestartete Projekt veröffentlicht aber in schneller Folge Listen über russische Kriegstote aus verschiedenen Regionen, aus unterschiedlichen militärischen Einheiten und zuletzt auch Zusammenfassungen über Tote, Verletzte und Gefangene in den ersten acht Monaten aus 2025. An deren Publikationen entzündete sich der Streit.

Die Argumente

Während der Telgram-Kanal Gorjuschko und die Datenbank Poteru  verifizierbare und zuverlässige Daten liefern, ist das bei dem Projekt „Ich will leben" nicht automatisch gegeben. Die Listen wurden bisher mit geringer Auflösung und Wasserzeichen veröffentlicht und konnten nicht automatisch ausgewertet werden. Es ist deshalb schwer, ihre Authentizität zu überprüfen. Wir haben das Projekt angeschrieben und angefragt, ob sie uns die Listen als Excel-Dateien zur Verfügung stellen könnten. Leider haben wir keine Antwort erhalten.

Es ist zudem schwer vorstellbar, dass alle diese veröffentlichten Listen von „Ich will leben" aus ukrainischen Erkenntnissen stammen. Sollten die Daten echt sein, so dürften es sich um geleakte Zusammenstellungen aus russischen Quellen stammen - also Geheimdienstarbeit.

Die von „Ich will leben" veröffentlichten Verluste der verschiedenen russischen Einheiten haben sich dann als korrekt dargestellt. Soweit die Namen der Kriegstoten bisher nicht bekannt waren, konnte in den meisten Fällen auch eine Meldung in den russischen Medien oder ein entsprechender Eintrag im Erbschaftsregister gefunden werden. 

Mediazona und "Conflict Intelligence" kritisierten folgende Punkte in der von „Ich will leben" veröffentlichten detaillierten Zusammenstellung der russischen Verluste von Januar bis einschließlich August 2025:

  • Das Format des geleakten Dokuments wäre ungewöhnlich. Dokumente dieser Ebene, die derartige Daten enthalten, tragen typischerweise einen Geheimhaltungsgrad („geheim“ oder sogar „streng geheim“), ein Datum, eine Referenznummer, die Seitenzahl des Dokuments, die Exemplarnummer und die Gesamtseitenzahl. Darüber hinaus muss das Dokument Angaben zum Adressaten, zum Herausgeber und zum verantwortlichen Offizier enthalten. 
  • Im Dokument gäbe es eine auffallende Häufigkeit der Zahlen 0 und 5, die nach dem Benfordschen Gesetz in empirischen Datensätzen nicht so häufig vorkommen würden. Der Grund dafür könnte allerdings sein, dass die Meldungen durch die Verfasser in den russischen Einheiten gerundet worden wären.
  • Im Papier melden drei Einheiten genau 182 Todesfälle. Auch hier könnte es eine einfache Erklärung dafür geben.
  • Was die Gesamtzahl der Toten und Vermissten betrifft, so erscheinen die Zahlen gerade so plausibel, wenn auch am oberen Ende der wahrscheinlichen Spanne. Die vom Projekt „Ich will leben“ vorgelegten Daten zu russischen Opfern würden fast 40 % über den von Meduza und Mediazona für 2024 berechneten Zahlen und fast 55 % über ihren Berechnungen für das Spätsommer 2025 liegen.
Erfasste Kriegstote
im Jahr 2025
Januar  5.360
Februar  5.578
März  5.018
April  3.894
Mai  3.245
Juni  4.592
Juli  7.084
August  7.224
September 8.626
Summe 2025 50.621
Durchschnitt Monat 5.625

Aus der Debatte um die Plausibilität der Zahlenwerte möchten wir uns heraushalten, da sie für uns ein untergeordnetes Argument darstellen. Zu den anderen Punkten der Kritik meinen wir:

  • Nachdem einige der Dokumente von "Ich will leben" sich als richtig heraus gestellt haben, warum sollte das Team mit erfundenen Daten seine gesamten Veröffentlichungen disqualifizieren?
  • Nur ein Idiot würde ein Geheimpapier aus einer Quelle im Original veröffentlichen. Das würde Rückschlüsse auf den Personenkreis zulassen, der zu irgend einem Zeitpunkt mit dem Dokument befasst war und es weitergeleitet hat. Also wird man das Dokument abschreiben. 
  • Das von "Ich will leben" geleakte Dokument nennt etwa durchschnittlich 11.000 monatliche Kriegstote bis einschließlich August 2025. Das wären dann die tatsächlichen Zahlen. Wir gehen davon aus, dass wir nur etwa 60% alle Todesfälle in öffentlichen Quellen finden - umgerechnet wären das dann etwa 6.500 gefundene Namen von Kriegstoten. Zudem gehen diese Informationen nur arg verspätet bei uns ein, während die geleakten Daten ja aktuell sein sollen. Betrachtet man nun unsere Tabelle mit den monatlich gefunden Daten - also die letzten vier Monate, so erscheinen die geleakten Zahlen höchst plausibel.

Die geführten Statistiken sind keine Raketenwirtschaft, sondern das Ergebnis harter Arbeit, jeden Tag die gefundenen Quellen zu sichten und in die Datenbanken einzutragen. Die Schätzungen, die wir daraus ableiten, sind zudem nicht in Stein gemeißelt und müssen von Zeit zu Zeit auch hinterfragt und angepasst werden. Solch ein geleaktes Dokument kann allerdings wertvolle Hinweise geben, ob unsere Annahmen stimmen.

Ansonsten ändert es aber an unseren ermittelten Zahlen sowieso nichts.

Im Beitrag haben wir unsere Meinungen und Erfahrungen mit großen Anführungszeichen kenntlich gemacht.


Für Interessierte die Quellen:


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